Über Grachten und durch Felder

 

Wir schreiben das Jahr 1976. Es ist Oktober. Wir brechen auf zu unserer ersten Hollandtour. Wir kommen von Süden über die Grenze. Man wünscht unsere Ausweise zu sehen und fragt, ob wir was zu verzollen hätten. Dann wünscht man uns "een gode reis". Es ist mittlerweile schon nach 17 Uhr und es beginnt schummrig zu werden. Endlos ziehen sich die kleinen Häuschen am Kanal dahin. Im Vorbeifahren blicken wir in erleuchtete Häuser. Keine Vorhänge, höchstens Dekoration im Kleinformat. Es tut gut, die Offenheit dieser Menschen zu spüren. Irgendwann abends kommen wir in Zandvoort am See an. Wir finden ein kleines Hotel mit Familienanschluss. Es gibt im Fernsehen eine jener für uns unbekannten Fernsehshows, die die Holländer so lieben und über die sie sich schier kaputtlachen können. Wir verstehen absolut nichts und unsere Gastgeber verstehen nicht, dass wir nichts verstehen. Aber dennoch verstehen wir uns prächtig.

Wir schreiben das Jahr 1984. Es ist Juli. Wir brechen mit zwei Friesenpferden im Hänger zu unserer mittlerweile x-ten Hollandtour auf. Wir haben gelernt, dass Holland nur eine von 12 Provinzen ist und wir eigentlich eine Niederland-Tour unternehmen. Wir kommen von Nordosten an die Grenze. Die Beamten sind nach wie vor darauf bedacht, dass wir keine unverzollten Waren schmuggeln und man ist gewillt, uns samt Pferden durchzulassen, was aber eine Menge Bürokratie mit sich bringt, denn Friesenpferde gibt es in den Niederlanden wie Sand am Meer und alle sind schwarz, was eine Identifizierung nicht gerade erleichtert. Auf jeden Fall regelt sich die Sache und wir werden mit dem bekannten Spruch "een gode reis" auf den Weg geschickt. Wir verbringen 4 Wochen im Land und üben uns in der niederländischen Sprache. Aber man möchte nicht so gerne Niederländisch mit uns reden, da das für die Ohren der Einheimischen wohl nicht melodisch genug klingt. Wir sehen dieses Mal auch das berühmte Giethorn, das Venedig der Niederlande, dem Spreewald Deutschlands zu vergleichen. Grachten sind hier lebensnotwendige Transportversorgungsadern.

Wir schreiben das Jahr 2004. Es ist wieder Sommer. Wir fahren zum Windhundtraining. Wir passieren die Grenze wie hunderte Male zuvor von Nordosten. Niemand nimmt Notiz von uns, keiner will Ausweise oder Zollgut sehen, keine Bürokratie. Die weiten Felder geben den Blick über unendliches Land bis zum Horizont frei. Auf der Rückfahrt wird es bereits wieder dunkel. Die kleinen Häuser am Straßenrand sind beleuchtet und überall läuft der Fernseher mit einer jener berühmten Niederländischen Shows, über die wir mittlerweile auch schon lachen können. Aber die Fernseher verschwinden hinter den dichten Vorhängen an den Fenstern. Es gibt sie nicht mehr, die Fenstereinblicke, wie vor 28 Jahren. Und die Menschen freuen sich, wenn wir ein paar Brocken Niederländisch sprechen.

Es ist nicht mehr wie früher.