Das Tor am Ende des Weges

 

 

 
 
Das Tor am Ende des Weges

 

Arabadne war ein wunderschönes achtjähriges Mädchen, aber sie war unheilbar krank. Sie lebte zusammen mit ihrer Stiefmutter weit draußen vor den Toren der Stadt. Ihr Vater starb vor zwei Jahren aus Gram über den Tod seiner innig geliebten ersten Frau. Die Ehe mit seiner zweiten Frau war er nur Arabadne zu Liebe eingegangen, um sie versorgt zu wissen, wenn er denn sterben sollte. Nach seinem Tod zeigte sich immer deutlicher, dass die Stiefmutter Arabadne kalt und lieblos behandelte. Arabadne verkümmerte zusehends in diesen beiden Jahren.

Eines Nachts aber erschien Arabadne im Traum ihr verstorbener Vater und er sprach zu ihr: "Arabadne, mein geliebtes Kind, verzweifle nicht. Mache dich auf in das Land Toschu und suche dort den alten Meister Morut. Er wird dir den Siegelstein geben."

Arabadne erwachte früh am Morgen. Schnell packte sie ein paar Habseligkeiten und etwas Essen zusammen und verließ, von der Stiefmutter unbemerkt, das Haus. Sie wusste zwar nicht wo Toschu lag und schon gar nicht, wie sie den Meister Morut und seinen Siegelstein finden sollte, aber sie vertraute den Worten ihres Vaters. Da raschelte es plötzlich neben ihr. Ein kleines unscheinbares Mäuschen kletterte geschwind auf ihre Schulter und flüsterte ihr ins Ohr: "Komm nur mit! Ich werde dich nach Toschu führen." Arabadne vertraute dem Mäuschen blindlings und marschierte los, den Anweisungen ihres auf der rechten Schulter sitzenden Freundes folgend.

Viele Tage vergingen. Endlich kamen sie an eine Brücke über einen breiten Fluss. "Dort drüben,", flüsterte das Mäuschen, "auf der anderen Seite des Flusses, dort liegt Toschu." Durch das Haupttor der Stadtmauer gelangten sie auf einen großen Marktplatz, der voll war von Händlern aus allen Gegenden der Welt. Arabadne hielt auf den erstbesten Händler zu, fasste sich ein Herz und fragte ihn, ob er Morut kenne, sie suche ihn wegen des Siegelsteins.

"Hoho!", lachte der Händler mit seiner tiefen Stimme so laut, dass es alle umliegenden Leute hören konnten, "natürlich kenne ich ihn, alle kennen ihn!" "Und wo finde ich ihn?", fragte Arabadne mit weniger Herzklopfen. "Draußen vor der Stadt, hinter dem Moor, am Ende des Weges,", antwortete der Händler, "aber noch niemand hat es bisher geschafft, wieder von ihm zurückzukommen."

Das Mäuschen auf der Schulter kannte auch diesmal den Weg und führte Arabadne hinaus aus der Stadt, durch das Moor, den Weg entlang bis zu einem großen Tor. Dort sagte es aber, dass es sie jetzt verlassen müsse und wünschte Arabadne viel Glück.

Arabadne trat durch dieses Tor und es umgab sie der schönste und hellste Sonnenschein, den sie je gesehen hatte. Doch als sie sich umdrehte, war das Tor verschwunden und die Welt war nur noch ein Licht.