Am Ende der Stadt

 

 

Am Ende der Stadt

 

Sie hieß Berliner Straße und sie war breit und durch das klobige Kopfsteinpflaster kaum mit dem Fahrrad zu befahren. Sie endete jäh und abrupt hinter dem letzten großen Mietshaus auf der rechten Seite, um dann in einen ebenso breiten Sandweg überzugehen, dessen obere, durch russische Lkws aufgewirbelte Staubschicht einem im Sommer die Luft und Sicht nahm und einen im Winter in den ausgefahrenen Löchern im Morast versinken ließ.

Aber ich liebte diese Straße. Sie war für mich der Inbegriff von Liebe und Geborgenheit. In diesem Mietshaus, das sich 11 Parteien teilten, fühlte ich mich beschützt und behütet.

Wenn ich durch die schwere Holzflügeltür in den kühlen Flur trat, durch den auch ein Auto hinter das Haus fahren konnte, umhüllte mich jener unbeschreibliche Geruch, den 11 Familien hinterließen, die sich diesen Flur beim morgendlichen Zur-Arbeit-Gehen und abendlichen verschwitzten Heimkehren teilten.

Im ersten Stock rechts wohnten sie über 50 Jahre lang, die, die mir so viel bedeuteten. Wieder musste ich eine schwere Holztüre öffnen, um in einen Durchgang zu gelangen, von dem ich nach links in das Wohnzimmer und nach rechts in die Küche treten konnte. Die Tür geradeaus gehörte der nächsten Familie.

In der Küche umfing mich der Geruch von gesäuerter Milch, Seife und Gas. Diese absurde Mischung prägte mich als Kind und meine Nase und Seele fühlten sich darin wohl. Das einzige Fenster, es nahm die ganze hintere schmale Wand ein, eröffnete den Blick hinunter auf den rundum beschuppten Hinterhof, aber auch hinaus auf die endlosen Schrebergärten, deren Silhouette sich am Horizont mit den Schornsteinen des Wärmekraftwerkes und dem Rest der Stadt mischte. Wie ein Relikt aus der Steinzeit schlängelte sich durch die Gärten die Fernwärmeleitung, im Sommer vom Laub der unzähligen Obstbäume und dem hohen Rispengras gnädig zugedeckt. Sie endete auf der anderen Seite der Straße, im Schlachthof. Von dort drang frühmorgendlicher Lärm quiekender Schweine und brüllender Rinder herauf, durchbrach den Schutz der Holzjalousien und breitete sich unaufhaltsam wie ein überdimensionaler Wecker im Schlafzimmer aus. Dazu gesellte sich von der Straßenseite noch das stöhnende Geräusch der schweren Dampfloks, die, von Woltersdorf kommend, die lange Rampe des Bahndammes herauf krochen, der den Sandweg ein Stück weit draußen kreuzte, und die sich bei geschlossenem Einfahrtssignal in den Bahnhof mit lautem Pfeifen und Bremsen bemerkbar machten. Aber es passte alles zusammen und keines der Geräusche wollte ich je missen, ebenso wenig wie den Staub des Sandwegs am Ende der Stadt.

Das Kopfsteinpflaster, der Sandweg, der Schlachthof und das Mietshaus existieren noch immer. Die aber, die mich behüteten, sind den Weg allen Lebens gegangen.