Kreuzer

 

 

 
 
Kreuzer

 

Bruno Kreuzer sitzt abgekämpft auf dem 2786 m hohen Mont Clichy. Er lehnt sich zurück und das Gipfelkreuz, das hier schon 51 Jahre dem Wetter trotzt, gibt ihm den nötigen Rückhalt.

Seine Blicke schweifen kreuz und quer über das Tal, das scheinbar unendlich weit unter ihm liegt und die Ruhe hier oben wird nur durch einige Rufe von Raubvögeln unterbrochen, die sich so hoch in die Lüfte geschraubt haben, dass sie noch weit über der Bergspitze am Wolken durchwebten Himmel ihre Kreise ziehen.

"Kreuze!", denkt Kreuzer beiläufig, "Welch ein Zufall, dass sie gerade in diesem Moment durch meine Gedanken rasen." Er ist ein gläubiger Mensch und Kreuze begleiteten ihn von Kindesbeinen an. Er fand es immer faszinierend, das große Holzkreuz hinter dem riesigen Altar in der Heilig-Kreuz-Kirche, an dem der übermannsgroße, aus Holz geschnitzte Jesus hing und, wie der Pfarrer nicht zu betonen müde wurde, allen das Heil der Welt verkündigte. Bilder steigen vor seinen Augen hoch. Es sind Bilder von Filmen, in denen Kreuze vorkommen. Einer ist ihm noch ganz geläufig. Es ist der mit dem Depardieu, als er in "1492" den Columbus spielt und wo gleich zu Beginn des Filmes einige Frauen als Hexen am Kreuz auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Wie eine der Frauen, so fühlt er eine sich unaufhaltsam zuziehende Schlinge um seinen Hals. Er schüttelt die Gedanken ab, erhebt sich vom Boden und versucht mit beiden Beinen wieder Halt zu finden auf dem glatten felsigen Untergrund. Wie automatisch fühlen seine Hände die Lendengegend ab und da entfährt ihm hier oben, wo es niemand hören kann, dann doch ein leiser Fluch: "Verdammtes Kreuz! Ich werde wohl doch langsam zu alt für solche Gewalttouren." Aber beweisen wollte er es sich mit seinen 75 Jahren noch einmal, dass er es nämlich immer noch schaffen könne, diesen Berg zu bezwingen. Schließlich war er es, der das Kreuz hier oben aufgestellt hatte und er konnte mit Fug und Recht behaupten, dass es sein Berg war. Doch eigentlich hätte er besser drei Kreuze geschlagen, dass er heil hier oben angekommen war, denn der Aufstieg war nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen. Er musste nämlich die steilere Ausweichroute nehmen, da ein Steinschlag ihm den normalen Aufstiegsweg versperrt hatte und dadurch war er mindestens 2 Stunden länger als geplant unterwegs gewesen und wenn er nun an den Abstieg denkt, so fällt ihm nur ein, dass er wohl doch in der Hütte 1250 m tiefer auf der Westseite übernachten sollte, um nicht von der Dunkelheit überrascht zu werden.

Also macht er sich, seinem Rucksack auf den Rücken geschnallt, wieder auf den beschwerlichen Abstieg.

Kreuzer ist aber nie in der Hütte angekommen.